Jede WildnisWeise- Naturauszeit ist wie eine kleine Transformationsreise.

Jede WildnisWeise-Naturauszeit ist eine kleine Reise hinaus aus dem Gewohnten – und vielleicht auch eine Reise hinein in eine andere Weise, in der Welt zu sein.

Für einige Tage verlassen wir unseren vertrauten Alltag, seine Abläufe, Anforderungen und die getaktete Zeit. Wir gehen hinaus in die Landschaft und lassen uns ein auf einen Erfahrungsraum, in dem nicht schon alles feststeht.

Getragen vom Kreis der Frauen verbringen wir immer wieder Zeit allein draußen. An einem selbst gewählten Ort, unter einem Baum, an einem Bach, auf einer Wiese oder am Waldrand. Ohne etwas leisten zu müssen. Ohne eine bestimmte Erfahrung machen zu sollen.

Es ist eine Zeit des Lauschens.

Wir sind es gewohnt, viel zu denken, einzuordnen, zu erklären und möglichst rasch Antworten zu finden. Doch es gibt eine andere Form des Wissens, die leiser ist. Sie entsteht, wenn wir nicht sofort antworten, sondern eine Weile bei einer Frage bleiben. Wenn wir wahrnehmen, was um uns und in uns geschieht.

Von einem Mamo der Kogi – einem spirituellen Wissenshüter dieses indigenen Volkes in der Sierra Nevada de Santa Marta – ist mir ein einfacher Satz in Erinnerung geblieben:

„Denken ist Zuhören.“

Vielleicht beschreibt er etwas von dem, was wir in diesen Tagen üben: ein Denken, das nicht sofort nach einer Lösung greift, sondern zunächst lauscht.

Dabei ist die Natur nicht bloß Kulisse für unsere inneren Prozesse. Wir begegnen einer lebendigen Welt.

Dem Wind, der über die Haut streicht.
Dem Vogel, dessen Ruf plötzlich unsere Aufmerksamkeit bindet.
Einem alten Baum. Einer Spur im Boden. Dem Wechsel des Lichts.
Der Dunkelheit. Dem Feuer.

Je länger wir draußen sind, desto durchlässiger kann die gewohnte Trennung zwischen „mir hier“ und „der Natur dort draußen“ werden. Wir erinnern uns körperlich an etwas, das wir im Alltag leicht vergessen: Wir stehen der Natur nicht gegenüber. Wir sind Teil dieser lebendigen, mehr-als-menschlichen Welt.

Auch unser Nervensystem antwortet auf diese andere Umgebung. Der Blick darf weiter werden, die Sinne beginnen wieder wahrzunehmen, Rhythmen verändern sich. Nicht jede Minute muss gefüllt werden. Nicht alles braucht einen Zweck.

Wir nennen das die weiche Zeit.

Eine Zeit, in der ein Augenblick wieder ein Augenblick sein darf.

Und jeder dieser Augenblicke trägt seine eigene Geschichte.

Diesen Geschichten lauschen wir.

Wir sitzen miteinander am Feuer und erfahren etwas von einer sehr alten menschlichen Geste: Menschen, die sich um eine gemeinsame Mitte versammeln. Wir nähren das äußere Feuer – und begegnen dabei vielleicht auch der Frage nach unserem eigenen: Was hält mich lebendig? Was braucht Nahrung? Was ist beinahe erloschen? Was möchte wieder brennen?

Das Feuer gibt darauf keine fertigen Antworten.

Aber es ist eine wunderbare Lehrmeisterin.

Wir singen miteinander. Nicht, weil jemand „singen können“ müsste, sondern weil gemeinsames Singen trägt. Manche dieser einfachen Lieder werden zu Haltegriffen, die uns noch lange begleiten können.

Wir begegnen heimischen Kräutern, räuchern mit Pflanzen unserer Landschaft und erinnern uns daran, dass auch sie nicht einfach nur Mittel für einen bestimmten Zweck sind. Sie gehören zu den Beziehungen, in denen wir leben.

So verweben sich in diesen Tagen Naturerfahrung, Ritual, Stille, Gemeinschaft und schöpferisches Tun.

Nicht, damit am Ende alles gelöst ist.
Nicht, damit wir danach ein „besserer“ Mensch sind.
Und auch nicht, weil jede Frage eine Antwort braucht.

Eine Naturauszeit darf vielmehr ein offener Wandlungsraum sein.

Etwas kann sich zeigen. Etwas kann stiller werden. Eine Frage kann deutlicher hervortreten. Eine alte Gewissheit kann brüchig werden. Vielleicht entsteht ein Bild, ein Satz, eine Geste – oder einfach das Gefühl, wieder ein wenig mehr da zu sein.

Und immer wieder geschieht etwas, das für mich zum Wesentlichen dieser Tage gehört: Erinnerung an Verbundenheit.

Verbundenheit mit uns selbst.
Mit den anderen im Kreis.
Mit der Landschaft, die uns trägt.
Mit Pflanzen, Tieren, Wasser, Erde, Wind und Feuer.
Mit einer Welt, zu der wir nicht erst eine Verbindung herstellen müssen, weil wir ihr längst angehören.

Vielleicht ist es genau das, woran wir uns erinnern.

Dass wir nie außerhalb gestanden haben.

Und dass diese Erinnerung nicht nur in uns Menschen liegt. Sie liegt auch in unseren Körpern, in alten Gesten und Liedern, in Geschichten und Ritualen – und vielleicht auf eine Weise, die sich nicht vollständig erklären lässt, auch in der Landschaft selbst.

So werden diese Tage zu einem gemeinsamen Er-innern:

Wir Menschen im Kreis – und um uns die mehr-als-menschliche Welt.

Nicht getrennt voneinander.

Sondern mitten darin.

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