Frau Holle, die große Göttin!

Bereit für einen Perspektivenwechsel?

In diesem Blogbeitrag wirfst du einen kühnen Blick auf unser matrilineares Erbe – und wirst staunen, wie viele uralte Mythen von patriarchalen Verdrehungen verdreht und überlagert wurden!

Hättest du gedacht, dass aus der lebensspendenden Rute der lebensspenden Erd- und Muttergöttin plötzlich die gefürchtete Zuchtrute des Krampus für ungezogene Kinder wurde? Oder dass die wahre Gabenbringerin nicht durch den Kamin kam, um artige Kids zu belohnen, sondern um Menschen an die Fülle der Erde zu erinnern? Der Kamin galt als Verbindung zwischen der irdischen und der spirituellen Welt! Und die „Wilde Jagd“ – einst ein heiliger Seelenzug, zum schaurigen Kriegsritt verdreht!

Mit diesem Blogbeitrag erzähle ich über die wahre Gestalt der Frau Holle und du wirst hier einiges erfahren über dein uraltes kulturelles Fundament hinter vielen alten Bräuchen!

Die Gestalt der Frau Holle ist den meisten bekannt. Zumeist wird sie jedoch ausschließlich mit einer einzigen Erzählung in Verbindung gebracht, die unzutreffend als „Märchen“ bezeichnet wird: die von den Gebrüdern Grimm verfasste und moralisierende Geschichte von Goldmarie und Pechmarie. Kaum jemandem ist bewusst, dass sich dahinter ein weitreichender und alter Mythenkomplex verbirgt.

Dieser Mythenkomplex enthüllt Frau Holle als Große Göttin, die in den drei Aspekten der Jungfrau, der Liebesgöttin und der Alten in Erscheinung tritt. Als große Muttergöttin reicht ihre umfassende Gestalt bis in die matriarchale Epoche Europas zurück. Um die wahre Bedeutung der Mythen rund um Frau Holle zu verstehen, müssen wir die Geschichte Schicht für Schicht abtragen und den Schleier heben, um dahinterzublicken.

„Denn nichts benötigen Frauen (und Männer! Anm.L.F) zu ihrer Selbstfindung heute dringender, als das Wissen um ihre großen Vorgängerinnen und um ihre eigene Kulturgeschichte“
 
(Heide Göttner-Abendroth)

Die Rolle der Brüder Grimm: Eine moralische Umdeutung

Bei der Betrachtung der Erzählungen der Gebrüder Grimm darf ein wesentlicher Aspekt nicht außer Acht gelassen werden: Die von ihnen gesammelten und in „ihrer Weise umgeschriebenen“ Geschichten waren ursprünglich mündlich überlieferte Legenden, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Jacob und Wilhelm Grimm lebten und schrieben die bekannten Märchen in einem Zeitraum zwischen 1812 und 1857. In dieser Epoche entzogen sie die Legenden der lebendigen, mündlichen Tradition und fixierten sie schriftlich. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die bürgerlichen und moralisierenden Werte sowie die „schwarze Pädagogik“ jener Zeit maßgeblich in diese Erzählungen einflossen. Die Geschichten sollten als „Tugendlehre für das gutbürgerliche Milieu“ fungieren und Ideale wie Fleiß, Reinlichkeit, Achtsamkeit und eine christliche Lebensweise vermitteln.

Im Zuge dieser Umformung wurden heidnisch anmutende Symbole systematisch durch christliche Symbolik ersetzt. So wandelte sich die Figur einer weisen Heilerin zur bösen Hexe, der einst heilige Wald wurde zu einem gefährlichen Gebiet und die ursprünglichen „Krafttiere“ des Waldes transformierten sich in böse und gemeine Wesen.

Auch sexuelle Elemente wurden konsequent eliminiert. Sexualität hatte vor dem Einzug von Patriarchat und Christianisierung einen völlig anderen Stellenwert als es heute gemeinhin angenommen wird: Sie war in vielen matrilinearen Gesellschaften ein integraler Bestandteil des Lebens und wurde als schöpferische, verbindende und heilige Kraft verstanden – nicht als Sünde oder Makel. Im Kontext der alten Mythen und Rituale stand Sexualität oft im Zusammenhang mit Fruchtbarkeit, zyklischem Wandel und der Feier des Lebens selbst. Die bewusste Entfernung dieser Dimension diente dazu, das Verständnis für Sinnlichkeit, Körperlichkeit und weibliche Selbstbestimmung zu verdrängen und durch moralische Kontrolle zu ersetzen. Zudem wurden die Protagonistinnen und Protagonisten deutlich jünger dargestellt, als es in den ursprünglichen, mündlich tradierten Legenden der Fall war. Diese Veränderungen dienten dazu, die Erzählungen den moralischen Vorstellungen der Zeit anzupassen und ihre erzieherische Funktion zu unterstreichen.

Bei den alten Mythen ging es auch sehr oft um Initiationsgeschichten von jungen Menschen. Die Eltern, die ihre zu Erwachsenen werdenden Kinder in den Wald schickten- zu ihrer Initiation, ihrer Visionsuche und zur weisen Alten, die immer das Abbild für die Göttin selbst und für Mutter Erde war, wurden zu bösen Eltern gemacht und der finstere Wald zu einer Ort der Verirrung und die weisen alten Frauen zu Hexen- man wollte die mit allen Mitteln die heidnischen Riten auslöschen…

In den Märchen wurden die Protagonistinnen und Protagonisten deutlich jünger dargestellt, als es in den ursprünglichen, mündlich tradierten Legenden der Fall war.

Diese Veränderungen dienten dazu, die Erzählungen den moralischen Vorstellungen der Zeit anzupassen und ihre erzieherische Funktion zu unterstreichen. Und natürlich wollten die Brüder auch, dass sich ihre Bücher verkauften!

Mythen sind immer ein Spiegel der Lebensrealität der Menschen, indem sie als kulturelle Erzählungen grundlegende menschliche Erfahrungen, Ängste und Weltbilder erklären und vermitteln, wodurch wir durch eine kulturhistorische Revision einen tiefen Einblick in die Alltags- und Gedankenwelt vergangener Menschen erhalten, da Mythen universelle Wahrheiten und moralische Lehren enthalten, auch wenn sie nicht wörtlich wahr sind. Sie bilden das kollektive Bewusstsein und die Orientierung einer Gesellschaft.

Die historische Tiefe der Göttin Holle

Bis in das 18. und 19. Jahrhundert hinein war die Gestalt der Holle als ein lebendiger, mündlich überlieferter spiritueller Glaube unter einfachen Leuten, vornehmlich Frauen, präsent. Dieser Glaube wurde in den verschiedensten, von Generation zu Generation weitergegebenen Geschichten bewahrt. Freilich wurde ihre Figur auch hier im Verlauf kulturgeschichtlicher Veränderungsprozesse mehrfach uminterpretiert. Doch erst durch die Gebrüder Grimm wurde sie endgültig zu einer fiktiven Märchenfigur degradiert.

Bei einer genaueren Betrachtung und dem schrittweisen „Abschälen“ der Überlagerungen und Verdrehungen aus kulturgeschichtlicher Perspektive wird die historische Tiefe der Frau Holle sichtbar. Es offenbart sich eine Göttin, die mindestens 5000 Jahre lang verehrt wurde. In ihrer Bedeutung und ihrem Wirken kann sie mit anderen großen Göttinnen der Antike verglichen werden, wie etwa Isis aus Ägypten oder Rhea von Kreta. Diese Vergleiche unterstreichen ihre einstige Position als eine zentrale Figur in einem weitverbreiteten Glaubenssystem, das weit über die Grenzen der später niedergeschriebenen Märchen hinausreicht.

Frau Holle ist in diesen Mythen eine große Muttergöttin.

In den zugrundeliegenden Mythenkomplexen nimmt Frau Holle die Position einer großen Muttergöttin ein. Diese Klassifizierung erfordert jedoch eine differenzierte Betrachtung, die über das moderne, oft vereinfachte Verständnis des Begriffs „Göttin“ hinausgeht. Vielmehr repräsentiert sie den Archetypus einer Urmutter.

In dieser Funktion agiert sie als Verkörperung der universellen, zyklischen Kraft, die die Phasen von Werden, Sein und Vergehen umfasst. Ihre Existenz ist untrennbar in die großen Bewegungen des „magischen Jahres“ eingebettet und symbolisiert die fundamentalen Mysterien des Lebenskreislaufs.

Die drei Aspekte im Jahreskreis

Die Gestalt der Frau Holle ist nicht statisch, sondern transformiert sich analog zu den Zyklen der Natur. Diese Wandlungsfähigkeit manifestiert sich in drei primären Erscheinungsformen, die den Jahreszeiten entsprechen:

  • Die weiße Jungfrau: Symbolisiert den Neubeginn und das unberührte Potenzial.
  • Die rote Liebesgöttin: Steht für Fülle, Fruchtbarkeit, Reife und die Kraft des Lebens.
  • Die schwarze Alte: Repräsentiert Weisheit, Rückzug und den notwendigen Aspekt des Vergehens. Sie gibt und sie nimmt!

Ein zentrales Element ihrer Interaktion mit dem Menschen ist die Prüfung der inneren Haltung. Die Kernfrage, die an den Menschen gerichtet wird, lautet: „Willst Du mir dienen?“

Diese Fragestellung zielt auf die Bereitschaft ab, sich in den Dienst von „Mutter Erde“ zu stellen.

Es geht also um die Ausrichtung des eigenen Seins und Wirkens auf die Förderung und Vermehrung der Lebendigkeit.

„Willst du mir dienen“ fragt, ob der Mensch bereit ist, seine individuellen Gaben großzügig in das weltliche Gefüge einzuspeisen.

Die alten Geschichten erzählen, dass, wer mit offenem Herzen dient und im Einklang mit dem Leben handelt, von Frau Holle reich beschenkt wird.

In den Überlieferungen wird dieser Zustand als umfassender Segen beschrieben. Die Metaphorik des „immer gefüllten Topfes“ und des „stets gedeckten Tisches“ illustriert eine materielle und spirituelle Versorgungssicherheit. Der Segen erstreckt sich dabei, so die mythologische Erzählung, über den gesamten Lebensbereich („Haus und Hof“) jener, die die Prüfung bestehen.

Die Gaben der Frau Holle an die Welt

Frau Holle waren viele Pflanzen und Tiere geweiht. Der Holunderbusch beispielsweise galt als heiliger Baum und als direkter Zugang zu ihrer Sphäre. In manchen Mythen wird erzählt, dass Holle unter diesem Strauch wohnt und in einem Kessel rührt. Dieser Kessel ist in vielen Muttergöttinnen-Mythen ein zentrales Symbol für den Uterus der Erde und den ewigen Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Die Menschen suchten den Holunder auf, um ihre Krankheiten symbolisch an seine Zweige zu hängen, in dem Glauben, dass Holle sie in ihrem Kessel transformieren und heilen würde. Die Verehrung war so tief, dass es lange Brauch war, vor dem Abbrechen eines Zweiges niederzuknien, die Hände zu falten und den Strauch um Vergebung zu bitten, etwa mit den Worten: „Frau Elhorn, gib mir was von deinem Holze, dann will ich dir von meinem auch was geben, wenn es im Walde wächst.“

Viele Namen von Pflanzen weisen zudem direkt auf die Göttin hin. Alle heilkräftigen Pflanzen, deren Bezeichnung mit „Frauen-“ beginnt, wie der Frauenschuh, das Frauenhaar oder das Frauenholz, sind wie ein leises Echo ihrer Verehrung. Selbst der im Volksmund gebräuchliche Ausspruch „unserer lieben Frau“ war ursprünglich nicht auf die christliche Maria, sondern auf die große Göttin Holle bezogen und spiegelte ihre Bedeutung als universelle Heilerin und Schützerin wider.

Tiere als heilige Boten

Zahlreiche Tiere waren der Göttin Holle geweiht, oft spielten dabei die drei heiligen Farben Weiß, Rot und Schwarz eine Rolle.

Der weiß-schwarz-rote Storch galt als Bote der Holle. Entlang dem matrilinearen Wiedergeburtsglauben erzählen manche Mythen von dem Bild der badenden Göttin, die in ihrem See die Ahnenseelen hütet und sie als Kinder wieder auf die Oberwelt schickt- mit Hilfe des Storchs als Boten.

Auch der Marienkäfer, bekannt als Frauenkäferle oder Siebenpunkt, wird ihrer Sphäre zugeordnet und symbolisiert Glück und Segen. Diese Tiere fungierten als Bindeglieder zwischen der menschlichen Welt und der Domäne der Göttin.

Und auch der Hirsch und die Katzen stehen immer wieder in Zusammenhang mit dem Mythenschatz rund um die Göttin.

Kulturbringerin und Hüterin des Heims

Die Frau Holle war in den alten Mythen auch eine Kulturbringerin. in den Mythen ist sie es, als Mutter Erde, die den Menschen die Kunst des Brotbackens lehrte, sie brachte ihnen den Flachs als Geschenk und führte sie in die Veredelung der Apfelbäume sowie in die Zähmung der Tiere ein. Das Inventar, das ihr in Haus, Hof und Garten zugeschrieben wird – wie Webstuhl, Backofen oder Spinnrocken –, entspricht exakt jenen matriarchalen Erfindungen, die die Kulturepoche der Jungsteinzeit prägten.

Diese Gegenstände werden in den Mythen oft als magisch beschrieben, da sie Symbole für fundamentale Innovationen waren, die eine neue Welt erschufen und das Überleben der Gemeinschaften sicherten.

Auch heilige Orte wie Berge, Quellen und Haine trugen einst Namen wie „Frauenberg“, „Frauenbrunnen“ oder „Hollabrunn“ und zeugten von ihrer weitreichenden Präsenz.

Die Überlagerung durch die Christianisierung

Mit der Verbreitung des Christentums wurde die Verehrung der Göttin Holle systematisch unterdrückt. Alte Bräuche wie das Beten und Opfern an Quellen oder unter Holunderbäumen wurden verboten und unter hohe Strafen gestellt. Die einst weise und gütige Lichtgöttin wurde in der christlichen Überlieferung zunehmend zu einem gefährlichen Spukgeist oder einer dämonischen Gestalt umgedeutet. Die heiligen Orte wurden sukzessive in Marienberge und Marienquellen umbenannt, um die alte spirituelle Verbindung zu überlagern.

Frau Holle als Liebesgöttin

Das Mysterium der Heiligen Hochzeit

In den archaischen Glaubensvorstellungen manifestiert sich die Gestalt der Frau Holle nicht nur als prüfende Urmutter, sondern ebenso als Verkörperung der erblühten Erde. In diesem Aspekt vollzieht sie als „Maibraut“ die Zeremonie der heiligen Hochzeit. Diese rituelle Vereinigung der erdgebundenen, weiblichen Kraft mit dem hellen, männlichen Himmelsaspekt stellt ein zentrales kosmologisches Ereignis dar.

Durch diesen Akt wird die Fruchtbarkeit der Länder der Göttin auf magische Weise initiiert und gesichert. Historische Maifeste und Hochzeitszeremonien stellten eine rituelle Nachahmung dieses Vorgangs dar. Die Dringlichkeit dieser Zeremonie war im Bewusstsein der Menschen tief verankert: Das Ausbleiben der heiligen Vereinigung wurde als Ursache für Unwetter, Unfruchtbarkeit und Sterilität des Landes gedeutet – Zustände, die unmittelbar Hunger und Tod zur Folge hatten. Die heilige Hochzeit fungierte somit als Garant für das Fortbestehen des Lebens auf Erden.

Ein wiederkehrendes Motiv in Mythen und Sagen ist das Bild der Liebesgöttin, die ihr goldenes Haar kämmt und sehnsuchtsvolle Lieder singt. Diese Handlung markiert die Einleitung der heiligen Hochzeit. Ähnlich  bei vergleichbaren Figuren wie der Göttin Verena in der Schweiz, der Lore-Ley am Rhein sowie zahlreichen namenlosen Jungfrauen in Höhlen und Bergen oder Wasserfrauen in Flüssen und Seen.

Das Kämmen der Haare trägt hierbei eine doppelte symbolische Bedeutung:

Erotische Dimension: Nach alter Auffassung residiert die Liebeskraft der Frau in ihren Haaren. Das Kämmen gilt als erotische Aufforderung, die darauf abzielt, den himmlischen Freier anzuziehen.

Agrarische Symbolik: Das goldene Haar der Göttin repräsentiert die reifen Getreidefelder der sommerlichen Erde. Das Kämmen symbolisiert das Wogen der Ähren im Wind. In diesem Kontext wird der Wind als der Geliebte verstanden, der durch die Felder streicht und die Erde befruchtet – eine Parallele zur matriarchalen pelasgischen Schöpfungsmythe von Eurynome und dem Urwind Ophion.

Im Verlauf soziokultureller Verschiebungen hin zu patriarchalen Strukturen erfuhr die Darstellung dieser weiblichen Gottheiten eine signifikante Umdeutung. Die einst verehrten Liebesgöttinnen, die für Fruchtbarkeit und den Fortbestand des Lebens standen, wurden zunehmend dämonisiert.

Die ursprünglich lebensbejahende Anziehungskraft wurde in das Bild der „bösen Verführerin“ verkehrt. In dieser neuen Lesart lockten die Gestalten ihre Geliebten nicht mehr zur heiligen Hochzeit, um Leben zu spenden, sondern um sie ins Verderben zu stürzen. Diese Uminterpretation diente dazu, die alte spirituelle Autorität der weiblichen Gottheiten zu untergraben und sie in das neue moralische Gefüge einzuordnen.

Frau Holle: Göttin des Schicksals und des Todes

Der schwarze Aspekt: Frau Holle als Todesgöttin

In der vielschichtigen Mythologie rund um Frau Holle offenbart sich auch ihr dunkler, ernster Aspekt: ihre Rolle als Göttin des Todes.

Der Tod selbst tritt in alten Sagen und Märchen in unterschiedlichen Gestalten auf – mal als alter, knochiger Gevatter Tod, mal als junger und schöner Junker Tod.

Beide Figuren werden als Gehilfen der Hel verstanden, der Herrscherin über die Unterwelt, die in ihrem schwarzen Kleid erscheint.

Als Todesgöttin vereint Frau Holle strenge Züge mit einer mütterlich-beschützenden Haltung, indem sie den Übergang in ihr Reich begleitet.

Wobei die Unterwelt als Garten Immergrün dargestellt wird und nicht als finsteren grusleigen Ort.

Die Verbindung zum Tod manifestiert sich auch in Naturbildern. Häufig wird sie mit den Herbststürmen assoziiert, die die letzten Blätter von den Bäumen reißen und das Ende des Jahreszyklus einläuten.

Ein zentrales Motiv ist hierbei die „Wilde Jagd“, ein Mythos, der wesentlich älter ist als seine spätere Germanisierung. Im ursprünglichen, matrilinearen Verständnis führt die Göttin selbst den Zug der Seelen an. Auf einem von weißen Hirschen gezogenen Wagen saust sie durch die Lüfte, um die Seelen der Verstorbenen zu sammeln und sie sicher in ihre heiligen Berge zu geleiten.

Erst mit der späteren Germanisierung wurde diese Vorstellung überlagert. Der kriegerische Gott Wotan trat an die Stelle der Göttin und verdrängte die matriarchale Figur des Junker Tod. Während Junker Tod zwar konsequent, aber niemals willkürlich grausam handelte, brachte die neue Interpretation eine furchteinflößende Komponente in den Mythos der Wilden Jagd.

Die zwölf Weihenächte, auch als Mutternächte oder Rauhnächte bekannt, die auf die Wintersonnenwende folgen hatten hier auch eine große Bedeutung. In dieser Zeit galt Frau Holle als „Mutter aller Seelen“, die in den Nächten durch das Land zieht. Für die Menschen war es nun wesentlich, ihre Häuser nicht zu verlassen – jedoch nicht aus Furcht, wie sie später im Kontext der von Wotan angeführten wilden Jagd betont wurde. Vielmehr wurzelte dieser Brauch im Respekt gegenüber dem „göttlichen Gewirk“: Während dieser geweihten Nächte sollte das Wirken der Göttin nicht durch menschliches Tun, Wollen oder Streben gestört werden. So blieb der kosmische Prozess des Spinnens und Webens in seiner heiligen Ordnung erhalten, und die Verbindung zur spirituellen Dimension wurde bewusst gewahrt.

Die Weberin des Schicksals

Denn die Frau Holle erscheint auch in ihrer Funktion als Schicksalsgöttin. In dieser Gestalt erscheint sie als Spinnerin, die den Lebensfaden eines jeden Menschen in Händen hält. Diese Darstellung verbindet sie mit den großen europäischen Schicksalsgöttinnen, die den Faden des Lebens spinnen, bemessen und schließlich abschneiden.

Diese Triaden von Schicksalsweberinnen – wie die Moiren in der griechischen, die Nornen in der nordischen oder die Bethen in der alpenländischen Mythologie – haben also ihre Wurzeln auch in der jungsteinzeitlichen matriarchalen Kultur.

In dieser Epoche galten das Spinnen und Weben nicht nur als handwerkliche Tätigkeiten, sondern als magische Künste.

Das Erschaffen von Gewebe aus einem einzelnen Faden war ein mächtiges Symbol für die Schöpfung selbst, für die Verbindung von Einzelteilen zu einem Ganzen und für die unauflösliche Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Als Spinnerin ist Frau Holle somit die Hüterin des kosmischen Gewebes und die Meisterin über Werden und Vergehen.

Die zwölf Weihenächte oder auch Mutternächte genannt-
das sind die Rauhnächte nach der Wintersonnenwende.

In diesen zwölf Nächten zog Frau Holle als „Mutter aller Seelen“ durch das Land- es galten nun die Regeln des Nicht-Tun. Denn nun war es das göttliche Gewirk, dem man durch sein Tun nicht im Wege stehen sollte

Frau Holle: Die ursprüngliche Bringerin der Gaben

Das Gebildebrot und die Ehrung der Gaben

In der Weihnachtszeit war einst ein Brauch weit verbreitet, der die Göttin Holle auf besondere Weise ehrte: das Backen des sogenannten Gebildebrots. Aus Kuchenteig wurden symbolische Formen geschaffen, die die Göttin selbst oder ihre Attribute darstellten. Diese Tradition war eine Form der Danksagung an die große Erdgöttin für all die Gaben, welche die Erde geschenkt hatte und die den Menschen das Überleben im Winter sicherten. Dieser Akt des Backens ist ein Echo in unseren heutigen Weihnachtskeksen, auch wenn sich die Symbolik gewandelt hat.

Die Mythen betonen, dass Frau Holle ihre Gaben nur jenen gewährt, die diese auch in Ehren halten. Eine Missachtung der Geschenke der Natur konnte dazu führen, dass sie diese wieder zurücknahm. Dieser Aspekt unterstreicht die Notwendigkeit eines respektvollen und bewussten Umgangs mit den Ressourcen der Erde.

Gestohlene Symbole: Von der Lebensrute zur Zuchtrute

Ein zentrales Symbol, das mit Frau Holle verbunden ist, ist die Rute, ursprünglich eine Haselrute. In den alten Mythen wurde sie als „Lebensrute“ verstanden. Eine Berührung mit dieser Rute übertrug den Segen der Fruchtbarkeit. Wenn junge Frauen damit berührt wurden, so die Überlieferung, empfingen sie die Gabe, neues Leben schenken zu können.

Unter dem Einfluss patriarchaler Umdeutungen erfuhr dieses machtvolle Symbol der Lebensspende eine drastische Verkehrung ins Gegenteil. Die Lebensrute wurde zur Zuchtrute degradiert, einem Instrument der Bestrafung für „schlimme“ Kinder. Diese Transformation spiegelt einen tiefgreifenden Wandel im Welt- und Menschenbild wider, bei dem lebensfördernde weibliche Prinzipien durch strafende, autoritäre Konzepte ersetzt wurden.

Die magische Reise der Gabenbringerin

Ähnlich wie andere große Göttinnen, darunter Artemis oder Diana, reiste Frau Holle auf einem magischen Wagen durch das Land. Gezogen wurde dieser von weißen Hirschen, heiligen Tieren, die ihre Verbindung zur Anderswelt und den Kräften der Natur symbolisieren.

Auf ihren Reisen fuhr sie durch die Lüfte und brachte den Menschen ihre Gaben. Die Mythen erzählen, dass sie diese durch den Schornstein warf. Der Schornstein galt in der alten Baukultur als das „Seelenloch“ des Hauses – eine direkte, vertikale Verbindung zwischen dem Heim der Menschen und der spirituellen Welt des Himmels. Durch diesen Kanal gelangten nicht nur die materiellen Gaben, sondern auch der Segen der Göttin zu den Menschen.

And now we find the Godess re-emerging from the forests an mountains, bringing us hope for the future, returning us to our most ancient human roots“
 
(Marija Gimbutas)

Abschluss und Neubeginn: Das Erbe der Frau Holle!

Das Göttinnenfest am Berchtentag

Der Abschluss der heiligen Zeit der Rauhnächte wurde am 6. Januar mit einem großen Göttinnenfest gefeiert: dem sogenannten Berchtentag oder Frau Holle Tag. An diesem Datum, an dem sich das magische Jahr der Göttin vollendete, schloss sie die Tore zur Anderswelt wieder.

An diesem besonderen Tag erschien sie gleichzeitig in ihren drei zentralen Aspekten: als die Weiße (jungfräuliche, beginnende Kraft), die Rote (fruchtbare, nährende Kraft) und die Schwarze (weise, zurückziehende Kraft).

Ein bedeutender Brauch dieser Zeit war das Überbringen des Segens. Drei Frauen, jeweils in ein weißes, rotes und schwarzes Gewand gekleidet, zogen von Haus zu Haus. Sie überbrachten das wiedergeborene Licht, wurden bewirtet und segneten die Bewohner und das Heim für den neuen Jahreszyklus.

Die Überlagerung und das Wiederentdecken der Wurzeln

Mit der fortschreitenden Christianisierung wurde auch diese tief verwurzelte Tradition überlagert und in einen neuen Kontext gestellt. Der ursprüngliche Sinn des Festes wurde umgedeutet und die weibliche Symbolik durch männliche Figuren ersetzt, wie es heute in der Tradition der Heiligen Drei Könige sichtbar ist.

Dennoch verweist der reiche Mythenschatz rund um Frau Holle auf weit ältere spirituelle Wurzeln und eine tiefe Verbundenheit zur Natur. Sie ist weit mehr als nur eine Märchenfigur; sie ist ein Symbol für die zyklischen Kräfte des Lebens und eine Verbindung zu den Überzeugungen unserer frühesten Vorfahren. Gerade in Zeiten, die von einer spirituellen Entwurzelung geprägt sind, kann es von unschätzbarem Wert sein, diese Ursprünge neu zu entdecken und im eigenen Leben zu verankern.

Zukunft braucht Vergangenheit

Die Auseinandersetzung mit der Figur der Frau Holle ist eine Einladung, die eigene Geschichte zu erforschen.

Wie Cornelia Siebeck es treffend formuliert: „Grabe wo du stehst und grabe tief.“ Es geht darum, die Schichten freizulegen, die unter den bekannten Erzählungen liegen – um zu verstehen, woher wir kommen!

Gerda Lerner betont in diesem Zusammenhang: „Zukunft braucht Vergangenheit.“

Das Ziel ist nicht, eine idealisierte Vergangenheit wiederzubeleben oder ein „Zurück zu…“ zu propagieren. Vielmehr geht es darum, aus dem Verständnis unserer kollektiven Geschichte zu lernen, um eine lebensdienlichere und bewusstere Zukunft zu gestalten.

Die Mythen der Frau Holle bieten hierfür eine reiche Quelle der Inspiration und der Weisheit.

Das zyklische „magische Jahr“ und all die darin liegenden Mythen und Bräuche sind für mich mittlerweile zu einem sehr wichtigen „Haltegriff“ geworden. Meine Rituale entlang der 8 Jahreskreisfeste sind für mich wie eine Anbindung an das zyklische Große Ganze, in das wir Menschen eingebettet leben!

Jetzt bleibt mir noch Euch fürs Lesen zu danken! Ich wünsche Euch einen wunderschönen Tag und eine gute und lebensdienliche Anbindung an die jahreszeitliche Qualität der Zeit!

shine your light, spread love, stay wild,

Eure Lilian

Quellen:

Paetow, Karl : Frau Holle; Volksmärchen und Sagen
Gunivortus Goos, Göttin Holle
Richert, Wilfried: Das Mysterium der Frau Holle
Rüttner-Cova, Sonja: Die gestürzte Göttin
Göttner-Abendroth, Heide: Frau Holle
Gardenstone: Göttin Holle
Gimbutas, Marija: The Living Goddesses
Gimbutas, Marija: Die Zivilisation der Göttin

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