Vom verlorenen Wissen um das Dunkel

Vom Dunklen und vom Hellen

Das Leben entfaltet sich in Polaritäten.

Hell und dunkel. Tag und Nacht. Sommer und Winter. Werden und Vergehen. Einatmen und Ausatmen. Sichtbarwerden und Verschwinden. Bewegung und Ruhe. Geburt und Tod.

Polarität bedeutet nicht Trennung.

Im Gegenteil: Die beiden Pole gehören einer gemeinsamen Bewegung an. Sie sind aufeinander bezogen, bedingen einander und tragen einander in sich. Das eine ist im anderen geborgen.

Mitten im Sommer, am Höhepunkt des Lichts, beginnt das Dunkel wieder zuzunehmen. Und in der längsten Nacht des Jahres ist die Rückkehr des Lichts bereits enthalten. Im Einatmen liegt schon das kommende Ausatmen. Im Werden das Vergehen – und im Vergehen der Boden für neues Werden.

Im Dunkel ist das Licht geborgen und im Licht das Dunkel.

Das eine existiert nicht ohne das andere.

Doch irgendwann haben wir begonnen, die Pole nicht mehr nur als verschieden wahrzunehmen, sondern sie zu bewerten.

Das Helle wurde dem Dunklen vorgezogen. Das Oben dem Unten. Das Wissen dem Nichtwissen. Die Kontrolle der Hingabe. Das Geordnete dem Wilden. Das Geistige dem Leiblichen.

Und mit dieser Bewertung geschah etwas Entscheidendes: Aus Polarität wurde Trennung.

Das eine galt fortan als erstrebenswert, das andere als etwas, das überwunden, beherrscht oder zurückgelassen werden sollte.

Dunkelheit ist in unserer Sprache längst zu einer moralischen Kategorie geworden. Wir sprechen von dunklen Zeiten, dunklen Mächten, dunklen Absichten. Das Böse kommt aus der Dunkelheit. Das Gute dagegen steht im Licht.

Doch das Dunkle ist nicht das Böse.

Und das Helle ist nicht das Gute.

Hell und Dunkel sind Polaritäten des Lebens.

Gut und Böse sind es nicht.

Gut und Böse sind keine Pole des Lebens, die einander bedingen. Sie gehören in die Sphäre menschlichen Handelns – in die Art, wie wir miteinander und mit der Welt umgehen, wie wir Macht ausüben und Verantwortung übernehmen oder verweigern.

Die Nacht ist nicht böse. Der Winter ist nicht böse. Die Erde ist nicht böse. Tod und Vergehen sind nicht böse. Und auch das Nichtwissen ist nicht böse.

Sie gehören zum Leben.

Wir brauchen die Nacht ebenso wie den Tag, das Ausatmen ebenso wie das Einatmen, das Ruhen ebenso wie die Bewegung.

Das Dunkel als Schoß

Es gab und gibt andere mythische Bilder des Dunklen, die wir vergessen haben – und diesem Vergessen wurde auch nachgeholfen.

In alten mythologischen und rituellen Vorstellungswelten begegnet uns Dunkelheit keineswegs nur als bedrohlicher Raum. Sie ist auch Erde, Höhle, Nacht und Schoß: ein Ort des Rückzugs, des Vergehens und des Werdens.

Der Same keimt im Dunkel der Erde.

Das Kind wächst im Dunkel des mütterlichen Leibes.

Viele Tiere ziehen sich zum Gebären, Schlafen und Überwintern in geschützte, dunkle Räume zurück.

Und auch wir Menschen schließen die Augen, wenn wir schlafen und träumen.

Das Dunkel ist einer der großen Räume der Transformation.

Es ist der Raum, in dem die alte Gestalt nicht mehr und die neue noch nicht da ist.

Vielleicht liegt darin auch eine seiner tiefsten Qualitäten: das Nichtwissen.

Im Dunkeln können wir nicht weit sehen. Wir können nicht alles überblicken, nicht vorausplanen, nicht kontrollieren, wohin der nächste Schritt führt.

Wir müssen langsamer werden.

Lauschen.

Warten.

Uns anvertrauen.

Das Dunkel verlangt eine andere Weise, in der Welt zu sein. Nicht das Wissen führt uns hier, sondern die Hingabe an einen Prozess, dessen Ausgang wir noch nicht kennen.

Manches muss eine Zeit lang verborgen bleiben.

Manches Neue kann vielleicht überhaupt nur entstehen, wenn wir nicht schon vorher wissen, wie es aussehen soll.

Wenn aus dem Dunklen das Böse wird

Wenn das Dunkle ein notwendiger Raum des Lebens ist, warum begegnet es uns dann so oft als Bedrohung?

Die Geschichte des Dunklen ist auch eine Geschichte der Trennung.

Himmel und Erde, Geist und Leib, das Heilige und das Weltliche wurden in der abendländischen Geschichte zunehmend voneinander unterschieden und hierarchisch geordnet. Der christliche Gott wurde als Schöpfer gedacht, der seiner Schöpfung nicht einfach gleichzusetzen ist – als transzendentes Gegenüber der Welt.

Damit veränderten sich über viele Jahrhunderte auch religiöse Landschaften.

Im vorchristlichen Europa waren Bäume, Haine, Quellen, Berge und andere Orte der Landschaft Träger religiöser Bedeutung. Für heilige Bäume und Haine ist dies historisch gut belegt. Im Zuge der Christianisierung wurden solche Praktiken teils bekämpft und verboten, teils überformt und in neue christliche Bedeutungszusammenhänge aufgenommen. Und manches lebte, allen kirchlichen Verboten zum Trotz, im Volksglauben und in lokalen Bräuchen weiter.

Die alte Welt verschwand also nicht einfach.

Sie wurde überlagert, verwandelt, manchmal bekämpft – und manches von ihr lebte unter der neuen Schicht weiter.

Auch Vorstellungen von Naturwesen, Magie und älteren rituellen Praktiken gerieten zunehmend in den Bereich des Verdächtigen oder Dämonischen. Frühmittelalterliche kirchliche Quellen zeigen, wie Praktiken außerhalb der kontrollierten kirchlichen Räume als Götzendienst oder als Umgang mit dämonischen Mächten gedeutet werden konnten.

Und auch der Wald bekam in dieser Geschichte eine besondere Bedeutung.

Er war ein Raum außerhalb der geordneten und kontrollierten Welt – ein Ort des Unverfügbaren, an dem ältere Vorstellungen, Geschichten und Bräuche weiterleben konnten.

Vielleicht berührt uns der dunkle Wald deshalb bis heute so tief.

Er ist in unseren Geschichten und Märchen ein Schwellenraum. Wer ihn betritt, verlässt die vertraute Ordnung.

Ich würde deshalb nicht sagen, dass „die Kirche die Angst vor dem dunklen Wald erfunden“ hat. Dafür ist die Geschichte zu vielschichtig. Aber historisch lässt sich sehr wohl zeigen, dass Naturkulte, heilige Bäume und Haine sowie zahlreiche nichtchristliche rituelle Praktiken bekämpft oder umgedeutet wurden – und dass die unkontrollierte Natur damit auch zu einem religiös verdächtigen Raum werden konnte.

Und mit dieser Verschiebung geriet vieles unter Verdacht, was sich nicht einhegen ließ: das Wilde, das Körperliche, das Zyklische, das Nichtwissen – und immer wieder auch das Weibliche.

Der Schoß von Mutter Erde

Besonders tief berührt mich dabei die Veränderung der alten Bilder des weiblich Göttlichen.

Aus zahlreichen Kulturen der Antike kennen wir mächtige Göttinnen und weibliche Gestalten des Göttlichen, verbunden mit Fruchtbarkeit und Erde, mit Geburt und Tod, mit Unterwelt, Regeneration und Wiederkehr. Auch die Religionsgeschichte zeigt, welche zentrale Bedeutung Göttinnen etwa in Mesopotamien, Ägypten, Griechenland und anderen Kulturen hatten.

Das Bild der Erde als Mutter ist uralt und weit verbreitet.

Ihr Schoß ist nicht nur der Ort, aus dem Leben hervorgeht. Er ist zugleich der Ort, in den das Leben zurückkehrt.

Die Erde gebiert – und sie nimmt wieder auf.

Vielleicht liegt genau darin eine tiefe Bedeutung des Dunklen: Der Schoß von Mutter Erde ist dunkel, weil wir in ihm nicht sehen können. Weil dort etwas unserem Zugriff entzogen bleibt. Weil in ihm Tod und Geburt, Vergehen und Werden noch nicht voneinander getrennt sind.

Wir kommen aus diesem Dunkel.

Und wir kehren in dieses Dunkel zurück.

Das Dunkle ist in diesem Bild nicht das Gegenteil des Lebens.

Es ist sein Schoß.

Mit der Abwertung des Erdigen und Leiblichen aber veränderte sich auch die Bedeutung solcher Bilder. In verschiedenen Phasen der christlichen Geschichte wurden weibliche Körperlichkeit und Sexualität, nicht autorisierte religiöse Praktiken und Vorstellungen weiblicher spiritueller Macht mit Sünde, Versuchung oder dem Dämonischen verbunden.

Die Marienverehrung wiederum zeigt, wie beharrlich weibliche Bilder des Heiligen weiterlebten – aufgenommen in eine neue religiöse Ordnung, überformt und verwandelt, und doch immer noch da.

Und dennoch lässt sich eine Verschiebung erkennen:

Was Schoß und bergende Tiefe sein konnte, wurde zum bedrohlichen Abgrund.

Die vielgestaltigen Reiche der Unterwelt rückten immer näher an das Bild der Hölle.

Aus dem Nichtwissen wurde Unwissenheit.

Und aus dem Dunklen wurde immer mehr das Böse.

Natürlich geschah all dies nicht zu einem einzigen Zeitpunkt und nicht überall auf dieselbe Weise.

Alte Vorstellungen verschwanden nicht einfach. Sie lebten weiter – in Bräuchen und Märchen, in Heiligenfiguren, Landschaftserzählungen und im Volksglauben: verwandelt und überlagert, manchmal kaum mehr erkennbar unter einer christlichen Schicht.

Und doch lässt sich eine Bewegung erkennen, die unsere Kultur tief geprägt hat:

Das Göttliche wanderte gewissermaßen aus der Welt hinaus und hinauf.

Gott war im Himmel.

Die Erde lag unten.

Eine Geschichte unserer Bilder

Was geschieht mit einer Kultur, wenn sie das Heilige immer weiter aus der Erde herauslöst?

Vielleicht ist unsere Entfremdung von der Erde nicht nur eine ökologische oder ökonomische Geschichte.

Vielleicht ist sie auch eine Geschichte unserer Bilder.

Denn Bilder prägen, wie wir der Welt begegnen.

Wenn die Erde nicht mehr beseelt ist, wenn der Wald nicht mehr heiliger Beziehungsraum, sondern bloß Ressource oder bedrohliche Wildnis ist, wenn der Körper dem Geist untergeordnet und das Dunkle dem Bösen zugeschlagen wird, verändert sich auch unser Verhältnis zur Welt.

Dann stehen wir ihr immer mehr gegenüber.

Der Mensch hier.

Die Natur dort.

Der Himmel oben.

Die Erde unten.

Der Geist im Menschen.

Die Materie um ihn herum.

Vielleicht erzählt unsere selbstverständliche Gleichsetzung von Dunkelheit und Bösem noch immer von dieser alten Trennung.

Und vielleicht müssen wir deshalb nicht nur unser Verhältnis zum Dunklen verändern.

Vielleicht müssen wir etwas wieder zusammenfügen, das niemals wirklich getrennt war:

Himmel und Erde.

Geist und Leib.

Licht und Dunkel.

Das Sichtbare und das Unsichtbare.

Krieg ist keine Dunkelheit – Krieg ist Entgleisung

Und hier wird die Unterscheidung für mich wesentlich.

Denn wenn das Dunkle nicht das Böse ist – wo entsteht das Böse dann?

Wir brauchen die Nacht und den Tag, das Vergehen und das Werden.

Aber wir brauchen nicht Krieg, damit Frieden existieren kann.

Wir brauchen keine Grausamkeit, damit Güte möglich wird.

Wir brauchen keine Zerstörung, damit Leben entstehen kann.

Krieg ist für mich deshalb nicht „das Dunkle“.

Krieg ist Entgleisung.

Entgleisung von Beziehung.

Entgleisung von Verbundenheit.

Entgleisung menschlicher Macht.

Entgleisung führt heraus aus der lebendigen Bezogenheit der Pole. Und wo ein System dauerhaft aus dieser Bezogenheit herausfällt, beginnt es seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.

Grausamkeit braucht keine Dunkelheit.

Gewalt braucht keine Nacht.

Und Krieg ist kein Naturgesetz.

Die schrecklichsten Dinge können im hellsten Licht geschehen – im Namen von Wahrheit, Vernunft, Reinheit, Fortschritt, Ordnung oder einer vermeintlich höheren Sache.

Vielleicht liegt sogar eine besondere Gefahr darin, sich selbst ausschließlich auf der Seite des Lichts zu wähnen.

Denn wer glaubt, das Licht zu verkörpern, braucht nur noch jemanden, auf den er die Dunkelheit projizieren kann.

Dann wird der andere zum Bösen.

Zum Fremden.

Zu dem, was bekämpft, bekehrt, beherrscht oder vernichtet werden darf.

Vielleicht beginnt die Entgleisung genau dort:

nicht im Dunkel, sondern in der Spaltung.

Es geht mir dabei nicht darum, Gut und Böse aufzulösen.

Im Gegenteil.

Gerade wenn wir aufhören, das Böse in eine mythische Dunkelheit zu verbannen, müssen wir genauer hinschauen, wo es tatsächlich entsteht – in menschlichem Handeln, in Machtverhältnissen, in der Entmenschlichung des anderen und dort, wo Beziehung zerbricht.

Das Dunkel wieder heimholen

Vielleicht besteht unsere Aufgabe deshalb nicht darin, immer mehr Licht ins Dunkel zu bringen.

Vielleicht müssen wir lernen, das Dunkel wieder heimzuholen.

Nicht, indem wir es romantisieren.

Dunkelheit kann Angst machen. Die Nacht kann gefährlich sein. Nichtwissen kann uns erschüttern. Tod und Verlust bleiben schmerzhaft.

Aber das macht sie nicht böse.

Das Dunkel ist ein notwendiger Erfahrungsraum des Lebens.

Es ist Rückzug und Trauer, Traum und Wandlung. Es ist das Bergende und das Verborgene, das noch nicht Fertige, das sich der Eile und unserem Zugriff entzieht.

Vielleicht müssen wir wieder lernen, in diesen Raum einzutreten, ohne sofort das Licht anzuschalten.

Nicht jede Dunkelheit muss erhellt werden.

Manche Dunkelheit möchte durchwandert werden.

Manche möchte uns bergen.

Manche lässt etwas in uns sterben, dessen Zeit vorüber ist.

Und manche trägt bereits etwas Neues in sich – noch namenlos, noch gestaltlos, noch unsichtbar.

Wie die Erde den Samen.

Wie die Nacht den kommenden Morgen.

Wie der Schoß das noch ungeborene Leben.

Das Dunkle und das Helle sind keine Gegner.

Das eine ist im anderen geborgen.

Und vielleicht bedeutet Ganzsein gerade dies: nicht einen Pol zu überwinden, sondern wieder in die große Bewegung einzutreten, die beide umfasst.

Nicht, um zum Alten zurückzukehren.

Sondern um uns daran zu erinnern, dass das Heilige vielleicht nie aufgehört hat, auch hier zu sein.

Ich hoffe sehr, dass Dich meine Zeilen inspirieren und bewegen!

Danke fürs Lesen und ich freue mich über Deinen Kommentar hier ein Stück weiter unten!

Stay tuned! : )

 

shine your light, spread love, stay wild

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