
Einleitende Worte!
Der Begriff Schamanismus wird gegenwärtig zunehmend inflationär verwendet- zumindest in meiner Wahrnehmung- und umfasst dabei ein breites Spektrum an spirituellen Praktiken, Ritualen und Heilungsverfahren.
Insbesondere in den letzten Jahren ist der Ruf nach spiritueller Anbindung in unserer westlichen Welt deutlich hörbar geworden!
Das ist ohne Fragen eine gute Bewegung- denn so wie Pierre Teilhard de la Chardin so schön sagt, „Wir sind keine menschlichen Wesen mit spirituellen Erfahrungen, wir sind spirituelle Wesen mit menschlichen Erfahrungen“.
Aus verschiedenen Gründen, die weit zurückreichen und etwas mit Trauma zu tun haben, ist uns die spirituelle Anbindung abhanden gekommen.
In der Hinwendung und dem vermehrten Interesse an Schamanismus und schamanischer Praxis besteht allerdings auch die Gefahr, dass diese spirituelle Leere mit konsumorientierten schnellen Lösungen und oftmals oberflächlichen Ansätzen versucht wird auszufüllen. Konsumverhalten ist eine Form von Kompensationsstrategie, doch übermäßiger Konsum kann diese Leere niemals füllen.
Leider begegnen mir in meiner Praxis vermehrt auch Fälle von Klient*innen, die retraumatisiert aus der „Behandlung“ von in Schnellkursen ausgebildeten „Schaman*innen“ kommen.
Es ist daher unbedingt not-wenig auch auf der Suche nach spiritueller Begleitung und Anbindung einen kritischen Blick zu wagen, die Auswahl von „schamanischen Begleitpersonen“ sorgfältig zu prüfen und unseriöse, kurzfristige Qualifikationsangebote zu erkennen.
Schamanismus nimmt in zahlreichen Kulturen eine zentrale Rolle als Vermittler zwischen menschlicher Gemeinschaft und transzendentaler Sphäre ein.
Mit diesem Blogartikel, den ich schon eine gute Weile in Arbeit habe, bezeugt ihr nun meinen Versuch einer vielschichtigen und differenzierten Auseinandersetzung mit historischen Fundamenten, aktuellen Übertragungen im Westen und den damit verbundenen Chancen und aber auch Risiken in Bezug auf schamanische Praktiken!
Dieser Blogartikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – das Thema ist so umfassend, dass es leicht ein ganzes Buch füllen könnte. Mein Ziel war es meinem gefühlten Unbehagen auf die Spur zu kommen und es in Worte zu fassen, um eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema zu ermöglichen.

Ein kleiner Blick auf historische und kulturelle Wurzeln des Schamanismus
Der Ursprung des Schamanismus liegt im sibirischen Raum, insbesondere bei den tungusischen Völkern, bei denen der Begriff „šamán“ als Bezeichnung für „spirituelle Spezialisten“ etabliert wurde.
Sie durchliefen dabei langjährige, strukturierte Initiations- und Ausbildungsphasen, eingebettet in die Gemeinschaft und die jeweiligen ökologisch-kulturellen Bedingungen. Die Berufung zum Schamanen/die Schamanin erfolgte oft durch persönliche Krisenerfahrungen, Visionen oder durch gesellschaftliche „Auswahl“ und wurde durch erfahrene Meister und die Gemeinschaft begleitet, kontrolliert und legitimiert.
Mircea Eliade, einer der bekanntesten Forscher auf dem Gebiet des Schamanismus beschreibt in seinem Werk Schamanismus und archaische Ekstasetechniken, dass der Weg des Schamanen traditionell nicht durch eine bewusste Entscheidung, sondern durch eine Berufung geprägt ist. Diese Berufung ist oft die Folge von außergewöhnlichen Erfahrungen wie Krankheiten, Visionen oder spirituellen Krisen, die als Initiationsprozesse verstanden werden.
Eliade betont auch, dass die Gemeinschaft eine zentrale Rolle spielt, indem sie diese Zeichen interpretiert und die Berufung des zukünftigen Schamanen anerkennt. Ohne diese soziale Bestätigung bleibt der Prozess unvollständig, da der Schamane nicht nur für sich selbst, sondern vor allem im Dienst der Gemeinschaft agiert.
Es ist also nicht die Entscheidung eines Einzelnen, zu sagen: „Ich bin jetzt Schamane/Schamanin“, sondern es ist die Gemeinschaft, die diese Berufung erkennt, bestätigt und den Weg des Schamanen begleitet.
Auch in anderen Kulturen, wie etwa bei den Kogi in Kolumbien, bestehen hochkomplexe Ausbildungswege für spirituelle Führer:innen. Diese umfassen oft viele Jahre, manchmal Jahrzehnte intensiven „Lernens“, asketischer Praxis, ritueller Prüfungen und der kontinuierlichen Reflexion im sozialen sowie kosmologischen Gefüge.
Der Erwerb von Wissen und die Entwicklung spiritueller Fähigkeiten sind sehr eng mit Verantwortung, Ethik und einer tiefen Integration in kollektive Systeme ve
Das Werk von Mircea Eliade
Der bereits weiter oben erwähnte Religionswissenschaftler Mircea Eliade prägte mit seinem Werk „Schamanismus und archaische Ekstasetechniken“ (1951) die westliche Sicht auf Schamanismus maßgeblich. Eliade beschreibt Schamanen als „Techniker der Ekstase“, die nach strukturierten Verfahren durch Trance und rituelle Weltenreisen zwischen unterschiedlichen Seinsbereichen vermitteln. Seine These der universalen Schamanen-Figur wurde allerdings auch sehr kritisch rezipiert, da sie den jeweiligen kulturellen und historischen Kontext oft vernachlässigt.
„Licht kommt nicht vom Licht sondern aus der Dunkelheit“ (Mircea Eliade)

Prähistorische Felskunst und das neuropsychologische Modell
Zur Deutung frühgeschichtlicher schamanischer Praktiken bietet das neuropsychologische Modell nach Lewis-Williams und Dowson einen Ansatzpunkt.
Archäologische Forschungen weisen darauf hin, dass Felsmalereien wie in beispielweise Lascaux nicht bloß Jagd- oder Alltagsszenen abbilden, sondern unter anderem entoptische Phänomene(*) visualisieren, die während Tranceerfahrungen im Zuge ritueller Handlungen auftreten.
Die Darstellung geometrischer Muster, Linien, Zickzackformen und hybrider Wesen werden als „Spiegel neuronaler Prozesse in veränderten Bewusstseinszuständen“ interpretiert, wie sie in schamanischen Initiationen erzeugt werden.
Diese Erkenntnisse verdeutlichen, dass künstlerische und spirituelle Praktiken in frühen Kulturen eng verflochten waren und stets als Teil kollektiver ritueller und heilender Zusammenhänge verstanden wurden.
(*)Entoptische Phänomene sind visuelle Erscheinungen, die innerhalb des Auges selbst entstehen und nicht durch externe Lichtquellen oder Objekte verursacht werden. Sie treten häufig in veränderten Bewusstseinszuständen wie Trance, Meditation oder unter dem Einfluss von Substanzen auf. Beispiele sind geometrische Muster, Lichtblitze oder Punkte, die unabhängig von der äußeren Umgebung wahrgenommen werden. In der Forschung zum Schamanismus, vor allem bei David Lewis-Williams, werden entoptische Phänomene als mögliche Quelle für die symbolischen und abstrakten Muster in prähistorischer Kunst interpretiert. Sie könnten die visuelle Grundlage für spirituelle oder visionäre Erfahrungen darstellen.

Moderne Ausbildungskonzepte und ihre Herausforderungen
Im 20. und 21. Jahrhundert entwickelte sich besonders im „Globalen Norden“ nach Vorbild von Michael Harner und anderen die Idee eines „Core-Schamanismus“, bei dem schamanische Kernelemente (Trance, Krafttierreisen, etc.) von ihrem ursprünglichen kulturellen Zusammenhang getrennt werden, um sie neuen Zielgruppen zugänglich zu machen.
Diese Entwicklung führte zu einer schnellen Ausbreitung schamanisch inspirierter Methoden in Therapie, Coaching und Selbsterfahrungsseminaren.
Problematisch ist jedoch die wachsende Zahl von Ausbildungsangeboten, die sich auf kurze Wochenendkurse oder Onlinelehrgänge beschränken und dennoch Zertifikate mit dem Titel „Schamane/Schamanin“ oder ähnlicher Umschreibungen vergeben.
Im direkten Vergleich zu den traditionellen schamanischen Ausbildungswegen handelt es sich hierbei häufig um sehr oberflächliche, unreglementierte und auch kommerzialisierte Prozesse.
Die Zunahme von Berichten über Retraumatisierung und spirituellen Machtmissbrauch in diesem Kontext muss ernst genommen werden. Die Unübersichtlichkeit und intransparente Regulierung des Marktes erschweren die Unterscheidung zwischen seriösen, qualifizierten Fachkräften und Anbietern fragwürdiger Schnellkurse erheblich.
Im Gegensatz dazu verdeutlichen die überlieferten Ausbildungstraditionen in Sibirien oder bei den Kogi, wie bedeutsam Struktur, Zeit, soziale Kontrolle und ethische, kulturelle Bildung im Rahmen spiritueller Praxis sind.
Hier werden spirituelle Kompetenzen niemals isoliert oder rein individualistisch vermittelt, sondern immer in Anbindung an ein Kollektiv, an Traditionsträger:innen und verbindliche kulturelle Werte…immer mit einem komplett anderem Zeit- und Lernverständnis als hier in der westlichen Welt

Kultureller Transfer, Aneignung und ethische Verantwortung
Mit der Popularisierung schamanischer Methoden im Westen gehen also sowohl Chancen wie Risiken einher.
Einerseits ermöglichen sie neue therapeutische Zugänge, Selbsterkenntnis und spirituelle Erfahrungen.
Andererseits besteht auch ein hohes Risiko der kulturellen Aneignung, bei dem komplexe Traditionen entkernt und in „konsumierbare Techniken“ verwandelt werden.
Dies kann nicht nur zu Fehlinterpretationen und spiritueller Oberflächlichkeit führen, sondern oftmals auch zur wiederholten Marginalisierung und Enteignung der Ursprungsgesellschaften.
Ein professioneller und verantwortungsbewusster Umgang mit schamanischen Konzepten erfordert daher eine tiefgreifende und kontinuierliche wissenschaftliche sowie ethische Auseinandersetzung. Ebenso wichtig ist eine respektvolle Differenzierung und Kontextualisierung der angewandten Methoden.
Die Offenlegung der eigenen Ausbildung und ja, auch die Supervision durch anerkannte Expertinnen und Experten ist genauso wesentlich wie die strikte Beachtung von Transparenz, Fürsorge und der Vermeidung von jeglicher Schädigung der Klientel durch Retraumatisierung!
Ein reflektierter Zugang zum Schamanismus verlangt Präzision, Selbstkritik und einen klaren ethischen Kompass.
Insbesondere in Zeiten des wachsenden spirituellen Marktes und von scheinbar qualifizierten Ausbildungsinstituten ist eine fundierte Differenzierung erforderlich.
Schamanische Praxis kann in der Begleitung von Menschen nur dann ein hilfreiches Potenzial entfalten, wenn sie auf umfassender Erfahrung, kontinuierlicher Ausbildung, Kulturkompetenz und überprüfbaren Standards beruht.
Die Risiken moderner Schnell-Ausbildungen und die daraus resultierende Fragmentierung des Feldes sollten stets offen benannt werden – sie stehen im großen Widerspruch zu den jahrhundertelang etablierten Initiations- und Ausbildungswegen traditioneller Kulturen.
Schamanische Praktiken haben auch in unserer westlichen Kultur historische Wurzeln, die jedoch durch die Christianisierung, Industrialisierung und andere gesellschaftliche Veränderungen oft verdrängt oder vergessen wurden. Diese kulturellen und individuellen Brüche erschweren massiv den Zugang zu unseren eigenen Traditionen!
Es bleibt also unsere Aufgabe, kommerzialisierte Angebote kritisch zu hinterfragen und die Wurzeln schamanischer Praktiken mit Achtsamkeit, ethischer Verantwortung und tiefem Respekt vor den Ursprungstraditionen zu betrachten und zu bewahren. Gleichzeitig liegt in der bewussten Wieder-Anbindung an Spiritualiät ein großes Potenzial für Heilung – ein Potenzial, dessen Entfaltung in unserer Verantwortung liegt.


Ich hoffe sehr, dass Dich meine Zeilen inspirieren und bewegen!
Danke fürs Lesen und ich freue mich über Deinen Kommentar hier ein Stück weiter unten!
Stay tuned! : )
shine your light, spread love, stay wild

