Die Schnitterin – wenn Reife nach einer Antwort ruft.

„Wie können wir die Gaben der Erde erwidern? In Dankbarkeit, in Zeremonien, durch praktische Ehrfurcht und Landpflege, in der leidenschaftlichen Verteidigung der Orte, die wir lieben, in Kunst, Wissenschaft, Gesang, Gärten, Kindern, Wahlen, Geschichten der Erneuerung, kreativem Widerstand, in der Art und Weise, wie wir unser Geld und unser kostbares Leben ausgeben, indem wir uns weigern, uns mit den Kräften der ökologischen Zerstörung zu verbünden. Was auch immer unsere Gabe ist, wir sind aufgerufen, sie zu geben und für die Erneuerung der Welt zu tanzen.“ (Robin Wall Kimmerer)

Die Schnitterin – Wenn Reife nach einer Antwort ruft

Noch leuchtet der Sommer in seiner ganzen Fülle.

Brombeeren reifen an den Wegrändern, Äpfel werden schwer an den Bäumen, Kräuter tragen ihre Samen, Getreidefelder sind abgeerntet oder warten auf den letzten Schnitt. Überall zeigt sich, was in den vergangenen Monaten wachsen durfte.

Und doch liegt bereits etwas Neues in der Luft. Das Licht verändert sich. Die Abende werden stiller. Manche Pflanzen beginnen einzutrocknen, andere ziehen ihre Kraft langsam zurück in ihre Wurzeln.

Die Landschaft hält die Fülle noch in ihren Händen – und beginnt zugleich schon loszulassen.

Gerade in diesem Jahr zeigt sich noch etwas anderes.

Die anhaltende Hitze und die Sonne, die so heiß auf die Erde brennt, machen sichtbar, dass ewiges Wachstum, der ewige Sommer, allein nicht genügen. Wir sehen vertrocknete Wiesen, gestresste Bäume und Pflanzen, die unter einem Zuviel leiden.

Die Landschaft erinnert uns daran, dass auch ein Zuviel das Leben aus der Balance bringen kann. Es ist eine Zeit der Reife. Und jede Reife bringt eine Frage mit sich. Nicht alles, was wachsen kann, soll weiterwachsen. Manches möchte geerntet werden. Manches möchte bewahrt werden. Und manches braucht einen klaren, liebevollen Schnitt, damit das Leben weiterfließen kann. Die alten Bilder nennen diese Zeit die Zeit der Schnitterin.

Die Weisheit des Schnittes

Für viele von uns hat das Wort Schnitt einen schmerzhaften Klang. Wir verbinden ihn mit Verlust oder Trennung. Doch die Landschaft erzählt eine andere Geschichte. Sie schneidet nicht gegen das Leben.Sie schneidet für das Leben.

Stauden werden zurückgeschnitten, damit sie im nächsten Jahr wieder austreiben können. Reife Früchte werden geerntet, bevor sie verderben. Samen lösen sich von der Pflanze, damit neues Leben entstehen kann.

Der Schnitt dient der Balance.

Er dient der Lebendigkeit.

Nicht alles, was wachsen kann, soll weiterwachsen. Manches bindet Kraft, obwohl seine Zeit längst vorbei ist. Und manches wird erst durch den mutigen Schnitt wieder fruchtbar. Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen einem willkürlichen Schnitt und der Weisheit der Schnitterin. Sie fragt nicht zuerst: Was muss weg? Sie fragt: Welche Beziehungen nähren das Leben – und welche entziehen ihm Kraft? Denn Leben geschieht niemals für sich allein. Alles ist miteinander verwoben. Pflanzen, Tiere, Menschen, Wasser, Boden, Gemeinschaft – wir alle sind Teil eines lebendigen Gewebes. Der Schnitt dient deshalb nicht der Trennung. Er dient der Pflege dieses Gewebes. Er ordnet Beziehungen neu. Er schafft Raum, damit Lebendigkeit wieder fließen kann. Vielleicht ist genau das die Einladung dieser Jahreszeit. Nicht zuerst zu fragen: Was muss ich loslassen? Sondern: Was möchte dem Leben dienen?

Ernten heißt antworten

Ernte bedeutet weit mehr, als Früchte einzusammeln. Sie bedeutet, Ver-antwort-ung für das Gereifte zu übernehmen. Unsere erwachsene und seelenzentrierte Antwort also… Im erkennen, was durch uns wachsen durfte und in der Folge darin…es auch anzunehmen und es zu würdigen.

Viele Menschen sehen sehr klar, was noch fehlt. Sehr oft bemerke ich dabei so etwas wie ein „Mangelbewusstsein“…

Viel schwerer fällt es, die eigene Ernte oder das was bereits da ist, das, was gelungen ist, wirklich anzuerkennen und anzunehmen. Vielleicht liegt darin eine der Aufgaben der Schnitterin. Uns daran zu erinnern, dass Dankbarkeit nicht erst dann beginnt, wenn alles vollkommen ist. Sondern dort, wo wir sehen lernen, was bereits da ist. Welche Erfahrungen haben dich in diesem Jahr reifen lassen? Welche Gaben sind deutlicher geworden? Welche Früchte deines Lebens möchtest du endlich anerkennen?

Gaben wollen verschenkt werden

Die Schnitterin fragt nicht nur nach der Ernte. Sie fragt auch danach, was mit ihr geschieht. Denn Früchte sind nicht dafür da, gehortet zu werden. Sie nähren. Samen wollen ausgestreut werden. Brot will geteilt werden. Und auch unsere menschlichen Gaben möchten weiterfließen. Vielleicht ist deine Gabe deine Klarheit. Dein Zuhören. Deine Kunst. Deine Fähigkeit, Menschen miteinander zu verbinden. Dein Mut. Oder deine Fürsorge. Keine dieser Gaben gehört uns allein. Sie möchten eingewebt werden – in Beziehungen, in Gemeinschaft und in das große Gewebe des Lebens. Reife bedeutet deshalb Ver-antwort-ung.

Nicht als Last. Sondern eben als eine logische Antwort.

Eine Antwort auf das, was uns geschenkt wurde.

Eine Antwort auf die Gaben der Erde.

Und eine Antwort auf das Leben selbst.

Die Frucht und die Trauer

Zur Ernte gehört nicht nur die Freude. Nicht alles, was wir säen, geht auf. Nicht jede Hoffnung erfüllt sich. Nicht jeder Traum findet seine Zeit. Auch das gehört zu dieser Jahreszeitqualität.

Vielleicht ist eine der großen Verletzungen unserer Kultur, dass wir kaum Räume kennen, in denen wir gemeinsam trauern dürfen. Dabei braucht Trauer Zeugenschaft. Was gesehen wird, muss nicht länger allein getragen werden. Es bekommt ein „Gefäß“. Die Schnitterin lädt uns deshalb nicht nur ein, unsere Früchte zu feiern. Sie lädt uns ebenso ein, das zu betrauern, was nicht geworden ist. Denn auch das gehört zum Leben.

Der Trickster

Kurz bevor der Schnitt geschieht, begegnen wir oft einer vertrauten Gestalt. Dem Trickster. Er ist charmant. Einfallsreich. Überzeugend.

Und er findet immer noch einen guten Grund, warum heute vielleicht doch nicht der richtige Moment ist.

„Noch ein bisschen Sommer.“

„Später reicht auch noch.“

Wir alle kennen diese Stimme. Sie ist nicht unser Feind. Sie erinnert uns daran, dass Veränderung Mut braucht. Die Schnitterin antwortet darauf nicht mit Härte.

Sie lauscht. Sie wartet. Und wenn die Zeit reif ist, handelt sie.

Nicht aus Ungeduld. Sondern aus Klarheit.

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst dieser Jahreszeit:

Den Unterschied zu spüren zwischen vorschnellem Handeln und einem Schnitt, der aus Reife entsteht.

Die Weisheit der Verkörperung

In meinen Jahreskreisritualen begleiten uns gerade Tiere aus unserer mitteleuropäischen Landschaft durch den Jahreskreis. Nicht als Symbole. Sondern als Weggefährtinnen und Weggefährten. Sie sind der Ausdruck einer bestimmten Qualität der „großen Mutter“, unserer Mutter Erde.

So schlüpfen wir für eine Weile in die Qualität eines Tieres und erleben, wie sich Würde, Wachheit, Sanftheit oder Entschlossenheit im eigenen Körper anfühlen.

Wie ist es wenn sich Antwort nicht im Denken einstellen, sondern durch das verkörpern, durch die Resonanz die dadurch entstehen kann.

Über das Ausdehnen in die Landschaft hinein, in die mehr-als-menschliche-Welt erinnern wir uns daran, dass jedes Wesen seinen eigenen Platz im Gewebe des Lebens hat – und seine eigene Weise, dieses Gewebe zu stärken.

Der Ruf der Schnitterin

Vielleicht ist die Schnitterin weniger eine Gestalt als eine Haltung. Eine Haltung, die dankbar empfängt. Die den Schmerz nicht ausklammert. Die Verantwortung übernimmt. Und die den Mut hat, Beziehungen immer wieder neu an der Lebendigkeit auszurichten. Vielleicht begleiten dich in den kommenden Tagen diese Fragen:

Was ist in mir gereift?

Wofür bin ich dankbar?

Was möchte betrauert werden?

Und welche Beziehung – zu einem Menschen, zu einer Aufgabe, zu mir selbst oder zur Welt – ruft nach einem neuen Maß?

Vielleicht braucht sie mehr Nähe. Vielleicht mehr Weite. Vielleicht einen klaren Schnitt. Nicht aus Strenge. Denn die Schnitterin fragt nicht, was verschwinden soll.

Sie fragt:

Was stärkt das Gewebe des Lebens?

Und was dient jetzt der Lebendigkeit? Vielleicht ist genau das ihre tiefste Weisheit. Nicht Wachstum um jeden Preis. Nicht Rückzug aus Angst. Nicht „weiter wie bisher“ aus Gewohnheit. Sondern ein waches Antworten auf das Leben.

Ein Antworten, das in unserem seelenzentrierten Menschsein wurzelt.

Und aus der Bereitschaft, den eigenen Platz im großen Gewebe des Lebens immer wieder neu einzunehmen.

Vielleicht ist das die eigentliche Einladung der Schnitterin. Nicht einfach loszulassen. Nicht möglichst vieles zu verändern. Sondern still zu werden und der Landschaft zuzuhören. Denn sie weiß um den rechten Zeitpunkt.

Sie kennt den Rhythmus von Werden und Vergehen, von Fülle und Mangel, von Blühen und Ruhen. Sie erinnert uns daran, dass Leben nicht darin besteht, alles festzuhalten, sondern immer wieder neu in Beziehung zu treten – mit uns selbst, miteinander und mit der mehr-als-menschlichen Welt.

So lädt uns die Schnitterin ein, unsere eigene Ernte dankbar anzunehmen, das Ungewordene zu betrauern und den Mut zu finden, dort einen klaren Schnitt zu setzen, wo das Leben nach mehr Weite, mehr Wahrhaftigkeit und mehr Lebendigkeit ruft.

Vielleicht ist Reife genau das: Die Fähigkeit, auf das Leben zu antworten.

Mit offenem Herzen.

Mit klarem Blick.

Und mit der Bereitschaft, den eigenen Faden immer wieder neu in das große Gewebe des Lebens einzuweben.

Ich hoffe sehr, dass Dich meine Zeilen inspirieren und bewegen!

Danke fürs Lesen und ich freue mich über Deinen Kommentar hier ein Stück weiter unten!

Stay tuned! : )

 

shine your light, spread love, stay wild

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert